Zwei Kinder liegen nachts unter der Bettdecke und schauen heimlich, ganz gebannt in ihre Tablets.

Hilfe! Ziehen wir lauter Screenager heran?

Wenn Smartphone und Computer die besten Freunde werden.

Für das MucklMAG sprachen wir mit Kathrin Demmler, 47, über den gesteigerten Medienkonsum bei Kindern – und wie Eltern damit umgehen. Hier die ungekürzte Version des Gesprächs.

Portraitaufnahme Kathrin Demmler, Direktorin des JFF - Institut für Medienpädagogik

Nach der Pandemie sitzen wir alle mit viereckigen Augen da… Da haben wir uns ganz schön was eingebrockt, oder?

Ich bin damit nicht ganz einverstanden. Zunächst haben wir die Technik dazu benutzt, bestimmte Dinge auch in einer weltweiten Pandemie weitgehend am Laufen zu halten: Kontakte, Schule oder Arbeit. Das war doch ziemlich schlau. Hätten wir vor 100 oder auch nur 50 Jahren so eine Krise gehabt, das hätte alles ziemlich anders ausgesehen. Ich finde wichtig, das Gute zu sehen: diese digitalen Möglichkeiten haben uns diese schwierige Zeit auch wesentlich erleichtert.

Ein Kind liegt auf dem Boden, hält ein Tablet in der Hand und unterhält sich per Video mit seiner Oma. Die beiden freuen sich über ein Wiedersehen.

Aber in Familien gibt es dauernd Streit um Bildschirmzeiten. Was tun?

Ich bin überzeugt, dass Medien noch nie so stark Thema waren. Und wenn wir ehrlich sind, auch bei uns Eltern. Wer hat denn vorher so viele Videocalls am Tag gemacht? Aber auch: wer konnte nun plötzlich mit Oma und Opa facetimen? Wer konnte sich vor dem Virus im Homeoffice schützen? Ja, es war eine anstrengende Zeit. Aber Screentime ist für mich erstmal ein nachrangiges Problem.

Echt?

Ja. Ich plädiere erstmal für zwei Dinge. Zum Einen: sich Zeit lassen. Zum Anderen: was sich bewährt hat, erstmal aufrechterhalten. Dass sich größere Kinder weiter bei Houseparty treffen, um zusammen zu spielen – geschenkt. Sie interagieren doch. Ich kann nicht erkennen, dass da ein Brettspiel immer automatisch besser ist. Jetzt plötzlich den Schalter umdrehen und sagen: alles zurück auf null, das wird nicht funktionieren.

Brauchen wir eine Übergangsphase?

Ganz sicher. Und wie gesagt: nicht nur die Kinder, sondern auch wir Eltern. Ich würde nicht dazu raten, jetzt die Medien und elektronischen Geräte zum Hauptinhalt der Gedanken zu machen, nach dem Motto: weg mit den Dingern, die sind schlecht für Euch. Nein, das sind sie nicht! Damit haben die Kinder jetzt lange Zeit ihre Kontakte gepflegt, sie haben gelernt, sich selbst zu organisieren, und sie haben damit auch uns Eltern nicht gestört. Das ist also alles nicht böse!

Was sollten Eltern in den Blick nehmen?

Es geht meiner Meinung nach jetzt darum, Kinder wieder in dem zu stärken, was sie ohnehin automatisch suchen: Den Kontakt zu anderen. Die wollen ja wieder raus, die wollen ja ihre Freunde sehen, richtig Sport machen oder da was erleben, wo Menschen zusammenkommen. Das geht uns Erwachsenen nicht anders. Vielleicht habe sich manche Freundschaften bei den Kindern verändert, haben sie sich eventuell aus dem Blick verloren durch Wechselunterricht und strenge Umgangsregeln. Da würde ich mich aktiv mit anderen Eltern in Verbindung setzen. Denn in der Regel ist das normale Leben weitaus attraktiver, das wissen Kinder auch.

Und wenn nicht?

Problematisch ist es aus meiner Sicht, wenn ein Kind gar nicht auf altersentsprechende Angebote reagiert: sich nicht mit Freunden treffen will, sondern lieber das Online-Spiel zu Ende spielt. Wenn es bei keiner Familienaktion mehr mitmachen will, sich komplett rauszieht. Wobei: auch das darf mal sein. Wenn aber über einen längeren Zeitraum, und ich spreche von mehreren Monaten, Medien so faszinierend sind und irgendwas zu ersetzen scheinen, dann würde ich genau hinschauen und mir Unterstützung holen

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Ein Junge spielt vertieft mit seiner Spielekonsole.

Klingt entlastend.

Familien waren in der Pandemie ein starker Kokon, mit positiven und negativen Folgen. Und wie ein Schmetterling langsam den Kokon durchbricht und die letzten Hüllen abstreift, müssen wir auch erstmal diese Zeit abschütteln. Wir sollten uns und den Kindern Zeit lassen.

Wie lange?

Es heißt, um Gewohnheiten zu verändern, braucht es mehrere Wochen regelmäßiges Training. Aber ich will da gar nicht schon wieder Druck reinbringen, im Gegenteil. Die Gesamtlage verändert sich ja auch nur schrittweise. Eltern werden vielleicht noch eine Weile im Homeoffice bleiben, die Kinder kehren wieder in die Schulen zurück. Streng genommen sind wir gerade erst dabei, diese langandauernde Verschmelzung von Arbeit und Familie wieder auseinanderzudröseln. Sie schien einerseits endlos lang, gleichzeitig schien sie zu rasen, weil Eltern immer mit zehn Bällen gleichzeitig jonglieren mussten: die eigene Arbeit, Homeschooling, Freizeitgestaltung, Essen kochen, schauen, dass alle Materialien da sind, Streit schlichten, beruhigen, trösten, die eigenen Sorgen im Griff behalten. Man wurde permanent unterbrochen in seinem Tun. Aber für die Kinder war es mindestens genau komisch: die sonst begehrten elektronischen Geräte waren plötzlich stark funktionalisiert, am besten sollte damit nur Schule gemacht werden. Und wenn‘s lustig hätte werden können, blaffte ein Großer ins Zimmer, dass jetzt aber mal Zockzeit vorbei sei. Unser Alltagsrhythmus ist ziemlich aus dem Ruder gelaufen. Aber je klarer wir Eltern auch wieder unsere Arbeit vom Familienleben trennen können, umso eindeutiger können wir auch den Kindern wieder signalisieren: Jetzt habe ich Zeit nur für dich. Da sollten wir erstmal wieder hinkommen.

Ein Junge sitzt versunken mit Kopfhörern vor seinem Computer.

Trotzdem: Wie viel Screenzeit ist normal?

Ich finde so ganz strikte Zeitvorgaben problematisch. Stellen Sie sich vor, Sie lesen ein tolles Buch, und jemand reißt es ihnen aus der Hand. Logisch, dass das wütend macht. Ein Kind sollte, wenn auch widerwillig, in der Lage sein, ein Spiel zu einem bestimmten Zeitpunkt selbst zu beenden – notfalls mit entschlossener Unterstützung der Eltern. Ich empfehle außerdem immer einen Medienvertrag für die ab zehnjährigen, denn er bezieht auch die Eltern mit ein: Alle müssen sich Gedanken machen und aushandeln, was wem wichtig ist. Und vielleicht darf das Kind ja länger spielen am Wochenende, dafür müssen die Vereinbarungen unter der Woche klar eingehalten werden. Und auch die Eltern können was dazu beitragen. Aber noch mal, es sind im vergangenen Jahr viele Kompetenzen bei den Kindern gewachsen, sie haben Medienwissen angehäuft. Das sollten wir schätzen. Und das können wir nutzen.

Interview: Silke Stuck

Mutter und Sohn, handhaltend im Klassenraum, im Gespräch mit der Grundschullehrerin.

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